Die gemeinsam durchgeführte Fachtagung Projektmanagement und Vorgehensmodelle 2025 der GI-Fachgruppen Projektmanagement (WI-PM) und Vorgehensmodelle (WI-VM) fand am 20. und 21. November 2025 an der Hochschule Weserbergland in Hameln statt. Die Veranstaltung stand unter dem Leitthema „Post-Agilität, Resilienz, Transformation” und beleuchtete zentrale Fragen zur Zukunft der Projektarbeit in einem Zeitalter zunehmender Unsicherheit und technologischer Transformation.
Alexander Volland, Sprecher der Fachgruppe Projektmanagement, eröffnete die Tagung mit der provokanten Frage, ob Agilität angesichts zunehmender Komplexität wirklich die alleinige Lösung sein kann oder ob sie lediglich ein Teil davon ist. Er regte an, ob die Post-Agilität nicht vielmehr eine Erweiterung und Neuausrichtung des bisherigen Verständnisses sein muss, um den Anforderungen moderner Projektumgebungen besser gerecht zu werden. Diese Fragestellung warf den Kernimpuls für die PVM 2025 auf: Wie kann Projektmanagement in einer Welt gestaltet werden, die neben Agilität auch Resilienz und technologische Innovationen wie KI integriert? Die PVM 2025 stellte dabei bewusst die Frage in den Mittelpunkt, ob der Begriff der Agilität in der heutigen Zeit noch zeitgemäß ist oder ob wir uns bereits in einer neuen Entwicklung befinden, der sogenannten Post-Agilität. Eckhart Hanser, Sprecher der Fachgruppe Vorgehensmodelle, versuchte insbesondere, den Begriff „Post-Agilität“ abzugrenzen. Damit ist eben nicht gemeint, dass Agilität „tot“ ist, sondern, dass sie sich weitentwickelt. Die Forschungen in den Fachgruppen zeigen, dass Prozesse auf den Firmenkontext angepasst werden müssen und Mensch und Kultur – also auch das Team – zunehmend berücksichtigt werden muss.
Die Tagung thematisierte, wie Organisationen in einer zunehmend komplexen und unsicheren Welt gleichzeitig agil und widerstandsfähig, also resilient, agieren können. Darüber hinaus wurde die Rolle der künstlichen Intelligenz und der digitalen Transformation für die Gestaltung zukunftsfähiger Projektorganisationen intensiv diskutiert. In diesem Spannungsfeld von Agilität, Resilienz und technologischer Innovation schuf die PVM 2025 eine Plattform für den Austausch und die Vernetzung von Wissenschaft, Praxis und Beratung, um gemeinsam Lösungen und Perspektiven für das Projektmanagement der Zukunft zu entwickeln.
Keynote: Erfolg ist Kein Zufall, Erfolg ist Eine Haltung
Der erste Tag der Tagung wurde abgeschlossen mit einer inspirierenden Keynote von Kathrin Boron, vierfache Olympiasiegerin und achtfache Weltmeisterin. Unter dem Titel „Erfolg ist kein Zufall, Erfolg ist eine Haltung” vermittelte Boron lebensnahe Lektionen aus dem Spitzensport, die unmittelbar auf Projektmanagement und Organisationsentwicklung übertragbar sind.
Ihr Vortrag betonte die Bedeutung von mentaler Haltung, kontinuierlicher Verbesserung und dem bewussten Umgang mit Herausforderungen – Aspekte, die sich durch das gesamte Tagungsprogramm zogen und die zentrale Erkenntnis der PVM 2025 verdeutlichten: Erfolgreiche Projektarbeit erfordert nicht nur methodische Kompetenz, sondern eine tiefgreifende kulturelle und persönliche Transformation.
Fachvorträge: Von Post-Agilität zu Künstlicher Intelligenz
Die Fachvorträge der PVM 2025 präsentierten ein breites Spektrum aktueller Forschungsergebnisse und innovativer Ansätze im Projektmanagement. Dabei durchliefen die Beiträge einen strengen wissenschaftlichen Begutachtungsprozess mit einer Annahmequote von 47%.
Larissa Koch de Souza und Martin Engstler präsentierten den Beitrag „Zwischen Agilität und Resilienz – Spannungsfelder und das Potenzial post-agiler Ansätze in digitalen Plattformen“. Ihr Vortrag beleuchtete das komplexe Wechselverhältnis zwischen Agilität und Resilienz, insbesondere im Kontext digitaler Plattformen, und zeigte die Notwendigkeit einer bewussten Balance zur erfolgreichen Gestaltung organisationaler Infrastruktur auf.
Jan Wehinger widmete sich mit „Leadership für AI-Agents – Wer führt die Künstliche Intelligenz?“ der Herausforderung, wie KI nicht nur als Werkzeug, sondern als potenzieller virtueller Partner in Projekten geführt werden kann. Hierbei thematisierte er die neue Dynamik in Mensch-KI-Teams und die sich daraus ergebenden Führungs- und Verantwortungsfragen.
In „Einsatz agiler Projektmanagementmethoden in KMU – Eine qualitative Untersuchung in der Maschinen- und Anlagenbau-Branche“ diskutierte Timm Eichenberg, wie kleine und mittlere Unternehmen agile Methoden adaptieren und welche spezifischen Herausforderungen sich daraus ergeben.
Ninja Leikert-Boehm stellte mit „Fit for Agility? Exploring Person-Job Fit in SAFe Teams“ eine explorative Studie vor, die untersuchte, inwieweit die Passung von Personen zu ihren Rollen in agilen Skalierungsrahmen wie SAFe ein Erfolgsfaktor für agile Transformationen darstellt.
Der Beitrag „Von Anfang an mit KI – Lösungsskizzen mit intelligenten Komponenten gestalten“ wurde von Kokulan Thanabalan und Axel Kalenborn präsentiert. Er liefert einen Beitrag zur Integration intelligenter Komponenten bereits in den frühen Phasen von Projekten, um innovative und zukunftsorientierte Lösungen zu entwickeln.
Der Vortrag „Wege zur Post-Agilität – Eine literaturbasierte Analyse der letzten zehn Jahre PVM-Fachtagung“ von Larissa Koch de Souza, Luca Randecker und Martin Engstler thematisierte wie sich die Tagung hinsichtlich „Post-Agilität“ im Laufe der Zeit entwickelte. Die Autoren analysierten die Entwicklung des Agilitätsverständnisses anhand von 58 PVM-Beiträgen von 2014 bis 2024 und zeigten einen Paradigmenwechsel hin zu kulturellen und kontextsensitiven Interpretationen auf. Post-Agilität wurde dabei als strategische und operative Weiterentwicklung verstanden, nicht als Ablehnung agiler Prinzipien. Für ihren Beitrag wurden sie mit dem Best Paper Award 2025 ausgezeichnet.
Schließlich beschrieb Marco Kuhrmann mit „Towards a Hybrid Process for Integrating Systems, Software, and Games Engineering“ die Entwicklung eines spezialisierten hybriden Prozessmodells in technischen Projekten unter dem Einfluss verschiedener Engineering-Disziplinen.
Dieser vielfältige Fachvortragsblock zeigte eindrücklich die aktuelle Bandbreite und Tiefe der Forschung im Projektmanagement und setzte wichtige Impulse für die Gestaltung moderner Projektumgebungen.
Diskussionsbeiträge im Future Track: Zukunftsorientierte Perspektiven
Neben den Hauptvorträgen präsentierten ausgewählte Autoren im sogenannten Future Track ihre innovativen Beiträge, die neue Perspektiven auf zentrale Herausforderungen des Projektmanagements eröffnen. Dieser Future Track ist ein essenzieller Bestandteil der Tagung, da er nicht nur aktuelle Forschungsergebnisse, sondern auch zukunftsweisende Diskussionsbeiträge umfasst, die in einem intensiven Austausch mit dem Publikum diskutiert werden. Die zusätzliche Sparte ermöglicht es den Teilnehmenden, frühzeitig Trends zu erkennen, innovative Ansätze kritisch zu reflektieren und sich aktiv an der Gestaltung der zukünftigen Entwicklung des Projektmanagements zu beteiligen. Die Integration eines solchen Future Tracks sichert somit die kontinuierliche Weiterentwicklung des Fachgebiets und fördert die Brücke zwischen Wissenschaft und Praxis.
Sarah Brandt, Sven Theobald diskutierten die „Post-Agilität – Einordnung und Blick in die Zukunft”. Der Beitrag systematisiert das Konzept der Post-Agilität und legt dar, wie Organisationen diese strategische Weiterentwicklung praktisch umsetzen können.
Rebecca Fischer präsentierte „Resiliente Verwaltung – Sicherstellung öffentlicher Dienstleistungen durch die Implementierung eines Business Continuity Management Systems in deutschen Kommunalverwaltungen”. Der Beitrag transferiert Resilienzkonzepte auf den öffentlichen Sektor und zeigt auf, wie systematische Kontinuitätsmanagementsysteme zum Schutz kritischer Infrastrukturen beitragen.
Sven Theobald präsentierte „Challenges of Integrating Agile Development and Analytical Quality Assurance” – ein kritischer Beitrag, der die Spannungen zwischen agiler Entwicklung und systematischer Qualitätssicherung analysiert.
Claus Hüsselmann präsentierte „Zwischen Stabilität und Anpassungsfähigkeit – Entwicklung und Anwendung eines Reifegradmodells für Lean-Adaptive Project Portfoliomanagement”. Der Beitrag entwickelt ein Modell zur Bewertung und Entwicklung von Portfoliomanagementsystemen, die sowohl Stabilität als auch Anpassungsfähigkeit bieten.
Jil Klünder wurde virtuell zur Konferenz geschaltet und stellte in ihrem Beitrag „How to Mitigate Technical Debt in Startups – Extending the Entrepreneurial Software Engineering Model” vor. Dabei stellte sie dar, wie technische Schulden in der schnelllebigen und ressourcenbegrenzten Umgebung von Startups entstehen und wie eine erweiterte Version des Entrepreneurial Software Engineering Models helfen kann, diese technischen Schulden systematisch zu vermeiden, zu managen und zu priorisieren.
Jessica Nagel präsentierte „Digitale Kompetenz im Projektmanagement – Ein Kompetenzstrukturmodell für das digital strukturierte Projektmanagement” und definiert damit zentrale Kompetenzdimensionen für das Projektmanagement im digitalen Zeitalter.
„Table of PM Elements“, ein praxisnahes und strukturiertes Methodenbaukastensystem, das bewährte Methoden und Werkzeuge für das Projektmanagement vereint wurde von Bernhard Schloß präsentiert. Mit diesem Beitrag leistet Schloß einen wichtigen Beitrag für den pragmatischen Umgang mit der methodischen Vielfalt in modernen Projekten.
Der Beitrag von Kendra Pöhlmann und Julia Hodapp zu „Transformational Skills für die digitale und nachhaltige Transformation – Innere Entwicklung als Schlüssel zur Veränderung von Projektmanagement-Kultur” musste aus organisatorischen Gründen entfallen, kann jedoch im Tagungsband nachgelesen werden.
Praxisberichte: Erfahrungen aus der Unternehmensrealität
Die PVM 2025 würdigte die Bedeutung der praktischen Erfahrung durch die zusätzliche Kategorie der Praxisberichte, die direkte Einblicke in reale Transformationsprozesse boten.
Christian Zender und Jens Zimmermann präsentierten den Praxisbericht „Agilität im Alltag der Atruvia – Zwischen Theorie und Praxis“, in dem eindrucksvoll dargestellt wird, wie ein großes Finanzdienstleistungsunternehmen agile Prinzipien tief in seiner Organisationskultur verankert hat. Ein zentrales Element der Transformation war die Neugestaltung der Strukturen zwischen Linien- und Projektorganisation: Die Linieneinheiten wurden zu agilen Lieferorganisationen umgebaut, während Projekte vor allem dann initiiert werden, wenn übergreifende Aufgaben vorliegen, die von einzelnen Lieferteams nicht bearbeitet werden können. Sämtliche Prozesse und Rollen wurden klar dokumentiert, um Transparenz und Verbindlichkeit zu schaffen. Die wichtigste Erkenntnis dabei war, dass der Schwerpunkt der Transformation auf der kulturellen Entwicklung lag – nicht nur auf der Einführung neuer Methoden. Dieses Vorgehen spiegelt wider, dass nachhaltiger agiler Wandel vor allem durch Veränderungen in der Haltung, Zusammenarbeit und Führung gelingt. Dies wird auch in zahlreichen Best-Practice-Beispielen großer Unternehmen und in der einschlägigen Literatur immer wieder betont.
Thorsten Nottebaum präsentierte einen kritisch-reflektierenden Beitrag: „Agil gescheitert? Warum agile Transformationen ins Stocken geraten – und wie Projekte trotzdem gelingen”. Der Bericht analysiert Erfolgsfaktoren und Fallstricke agiler Transformationen und bietet konkrete Handlungsempfehlungen.
Beide Beiträge berichten aus der Praxis, dass Methoden allein nicht genügen, sondern vor allem die Haltung, Kultur und Führung in Unternehmen entscheidend sind. Somit ergänzen sich die Beiträge und bieten ein umfassendes Bild von der Bedeutung der kulturellen Dimension für agile Transformationsprozesse.
Kompaktbriefings: Intensive Weiterbildung
Neben diesen zukunftsweisenden Perspektiven bietet die PVM ein integriertes Schulungsprogramm an: Die Kompaktbriefings wurden erneut sehr gut angenommen und von Firmenvertretern besonders gelobt. Neben praxisnahen Workshops wie „DevOps in 45 Minuten“, in dem Eckhart Hanser DevOps als wichtige Brücke zwischen Entwicklung und Betrieb mit Fokus auf agile und kontinuierliche Deployment-Praktiken vorstellte, wurden auch innovative Themen wie „Künstliche Intelligenz im Projektmanagement“ durch Axel Kalenborn behandelt. Zudem beleuchteten André von Zobeltitz und Lukas Zärtner in ihrem Briefing „Zwischen Buzzword und Businessnutzen: Was Unternehmen an einer KI-Nutzung hindert“ kritisch die Herausforderungen und Hindernisse bei der KI-Einführung in Unternehmen. Klaus Schopka erläuterte, wie „Programmmanagement zur Steuerung strategischer Transformationen” die Projektmanagementmethoden im Unternehmen ergänzen muss, um komplexe Transformationsprogramme in Organisationen umzusetzen.
Rahmenprogramm und Networking
Das Rahmenprogramm der PVM 2025 bot reichlich Gelegenheit für informellen Austausch und Networking. Abends fanden thematische Erlebnisführungen durch Hameln statt, darunter „Der Rattenfänger von Hameln“ und „Der verführte Verführer“, die kulturelle Erfahrung und Networking kombinieren. Das festliche Konferenzdinner im historischen Hotel zur Krone in Hameln schuf einen eleganten Rahmen für den fachlichen Austausch und war zudem der feierliche Moment der Verleihung des Best Paper Awards. Organisiert wurde das Rahmenprogramm maßgeblich von der Hochschule Weserbergland unter der Leitung der Professoren Timm Eichenberg und Michael Städler.
Zusammenfassung und Ausblick
Die PVM 2025 hat mehrere zentrale Erkenntnisse hervorgebracht, die entscheidend für die zukünftige Entwicklung des Projektmanagements sind. Post-Agilität wird dabei nicht als Ablehnung der Agilität gesehen, sondern als notwendige Weiterentwicklung, die kontextsensitive Anpassungen, kulturelle und menschliche Aspekte, Governance und Skalierung auf Organisationsebene sowie Nachhaltigkeits- und regulatorische Anforderungen integriert. Dabei funktioniert Agilität in den einzelnen Teams in aller Regel gut, nicht aber unbedingt in der Organisation. Resilienz ist als komplementäre Kompetenz neben Agilität anerkannt, wobei Organisationen sowohl schnelle Anpassungsfähigkeit als auch stabile Widerstandskraft benötigen und eine bewusste Balance zwischen diesen Ansätzen gewinnen müssen. Künstliche Intelligenz eröffnet als Technologie neue Potenziale im Projektmanagement, bringt jedoch auch Herausforderungen hinsichtlich Führung, Verantwortung und der Neuinterpretation von Mensch-Maschine-Beziehungen mit sich. Einen besonderen Fokus legt die Tagung auf transformative Leadership und die innere Entwicklung von Führungskräften und Teams, bei der mentale Haltung, psychologische Sicherheit und kontinuierliches Lernen als Erfolgsfaktoren gelten. Hinzu kommen nachhaltige und regulatorische Dimensionen, die agile Praktiken neu definieren müssen.
Diese Erkenntnisse bilden die Basis für weitere Diskussionen und praktische Entwicklungen, wobei wichtige Fragen offenbleiben, etwa wie resilient-agile Organisationsformen realisiert werden können, welche Kompetenzen durch KI nötig werden, wie Nachhaltigkeit mit agilen Methoden verbunden werden kann und welche Standards post-agile Transformationen unterstützen.
Eckhart Hanser stellte im Schlusswort fest, dass zwar noch keine abschließende Definition von Post-Agilität existiert, aber der begonnene Dialog von großem Wert ist. Die PVM 2025 fungierte somit als wichtiger Impulsgeber für die Weiterentwicklung des Projektmanagements in einer von Post-Agilität, Resilienz und digitaler Transformation geprägten Welt.
Publikation und Weitere Informationen
Der Tagungsband der PVM 2025 wurde in den GI Lecture Notes in Informatics (Band P-371) veröffentlicht und ist Bestandteil der renommierten Publikationsreihe der Gesellschaft für Informatik e. V.
Herausgeber:
- Prof. Dr. Oliver Linssen (FOM Hochschule, Universität Wuppertal)
- Alexander Volland (Union Investment Services IT GmbH)
- Dr. Enes Yigitbas (Universität Paderborn)
- Prof. Dr. Martin Engstler (Hochschule der Medien Stuttgart)
- Dr. Martin Bertram (PMI Germany Chapter)
- Prof. Dr. Eckhart Hanser (Duale Hochschule Baden-Württemberg Lörrach)
- Prof. Dr. Axel Kalenborn (Universität Trier)
Gastgeber: Hochschule Weserbergland, Hameln
Veranstalter:
- Fachgruppen Projektmanagement (WI-PM) und Vorgehensmodelle (WI-VM) der Gesellschaft für Informatik e.V. (GI) e.V.
Kooperationspartner:
- Deutsche Gesellschaft für Projektmanagement (GPM) – Fachgruppe IT-Projektmanagement
- Project Management Institute (PMI) Germany Chapter
Weitere Informationen: https://www.pvm-tagung.de
Verfassungsdatum: November 2025
Ort: Hameln, Hochschule Weserbergland















