Neudenken der Zusammenarbeit im Projekt: Highlights der PVM 2024

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Die gemeinsam durchgeführte Fachtagung PVM 2024 der GI-Fachgruppen Projektmanagement (WI-PM) und Vorgehensmodelle (WI-VM) fand am 26. und 27. September 2024 an der Technischen Hochschule Mittelhessen in Friedberg statt. Die Veranstaltung stand unter dem Leitthema „Neues Arbeiten in Projekten – Teamarbeit neu interpretiert“ und beleuchtete die aktuellen Entwicklungen im Bereich der Zusammenarbeit in Projekten, insbesondere unter dem Einfluss von Digitalisierung, KI und neuen Arbeitsmodellen wie Remote Work und hybriden Arbeitsmodellen.

Keynote

Thomas Wuttke eröffnete die Tagung mit der inspirierende Keynote „Ja-Sagen und Nein-Denken als der Megablocker für Teamarbeit“. Wuttke, Experte für Projektmanagement und renommierter Berater, erläuterte eine Philosophie der ganzheitlichen Entscheidungsfindung. Er betonte, dass jede Entscheidung, ob im Beruf oder Alltag, als Gesamtpaket gesehen werden sollte – einschließlich der negativen Aspekte.

Ein prägnantes Beispiel war der Autokauf: wer ein Auto erwirbt, „kauft“ den Stau mit. Daher sei es sinnlos, sich später über einen Stau zu ärgern, da dieser bereits Teil der Entscheidung war. Diese Denkweise hilft dabei, negative Konsequenzen nicht nur zu akzeptieren, sondern als unvermeidlichen Teil des Gesamtbildes zu betrachten. Dies fördert eine ausgeglichene Herangehensweise an Herausforderungen und verhindert unnötige Frustration.

Seine Keynote verdeutlichte lebensnah, wie wichtig es ist, sich bewusst und ganzheitlich mit Entscheidungen auseinanderzusetzen – eine Lektion, die sowohl im Projektmanagement als auch im betrieblichen und privaten Alltag anwendbar ist.

Fachvorträge

Die Fachvorträge auf der PVM 2024 deckten eine breite Palette aktueller Themen im Bereich des modernen Projektmanagements ab und gaben vertiefende Einblicke in Arbeitspraktiken in modernen Projektteams.

Ein Highlight war Timm Eichenbergs Beitrag zur Führung von Projektteams auf Distanz, in dem er auf die Bedeutung von Mediennutzung und Führungsbeziehungen für den Projekterfolg in hybriden Umgebungen einging. Eichenberg zeigte, dass effektive Kommunikation und ein angemessener Einsatz virtueller Tools die Schlüssel zur Überwindung der Herausforderungen virtueller Zusammenarbeit sind.

Sein Paper wurde als so relevant bewertet, dass es mit dem Best Paper Award der Fachgruppe Vorgehensmodelle ausgezeichnet wurde.

Andreas Block und sein Team präsentierten eine beeindruckende empirische Analyse über Leistungssteigerungspotenziale von Mitarbeitenden in einer Schweizer Verwaltung unter dem Einfluss von „New Work“-Prinzipien. Sie zeigten auf, wie flexible Arbeitsmodelle die Effizienz der Mitarbeitenden steigern und moderne Arbeitsplätze prägen.

Luca Randecker und Martin Engstler beschäftigten sich in ihrem Vortrag mit der teilweisen Rückkehr ins Büro und der modernen Arbeitsplatzgestaltung. Sie stellten die Notwendigkeit heraus, eine hybride Balance zwischen Vor-Ort-Arbeit und Homeoffice zu schaffen, um eine optimale Arbeitsumgebung zu gewährleisten. Dabei plädierten sie für ein neues Bild der Büroarbeit, dessen Attraktivität u.a. auch durch das Unternehmensumfeld beeinflusst wird.

Ein weiteres spannendes Thema wurde von Jens Heise und Oliver Linssen vorgestellt: Ihr Tool „HARMONY & PARIS“ ermöglicht eine präzise Anforderungsdokumentation, die in der Projektarbeit als zentrales Instrument zur Reduktion von Missverständnissen und zur effizienten Planung dient.

Die Zusammenarbeit von Saadet Bozaci und ihrem Team führte zur Entwicklung des „Team-Quality-Level“-Ansatzes, der KI-basierte Handlungsempfehlungen für die Teamarbeit generiert. Dieser Vortrag beleuchtete, wie KI zur Optimierung von Teamdynamiken beitragen kann, indem die Qualität der Zusammenarbeit datenbasiert bewertet wird.

Christina Krins und ihre Kolleginnen stellten mit „Change-Enabling“ eine soziotechnische Methodik vor, die auf die zentralen Herausforderungen des modernen Projektmanagements zugeschnitten ist. Durch die Kombination technischer und sozialer Aspekte ermöglicht diese Methode eine nachhaltige Anpassung an sich ständig verändernde Anforderungen.

Bärbel Bissinger und ihr Team untersuchten die Auswirkungen von Remote Work auf die Kommunikation und Zusammenarbeit in Scrum-Teams. Sie zeigten auf, dass fehlende persönliche Interaktionen sowie eine fehlende nonverbale Kommunikation zu großen Missverständnissen führen können und gaben Empfehlungen für die Ausgestaltung einer besseren virtuellen Zusammenarbeit.

Abschließend präsentierten Alexander Krieg und sein Team die besonderen Anforderungen, die KI-Projekte an das Projektmanagement stellen. Sie zeigten, dass KI-Projekte spezielle Prozesse und Fähigkeiten erfordern, um erfolgreich implementiert zu werden. Hieraus leiteten sie die Notwendigkeit neuer Ansätze in der Projektplanung und -steuerung ab.

Die spannenden und mit wissenschaftlichen Untersuchungen untermauerten Vorträge zeigten deutlich, dass das moderne Projektmanagement sich ständig weiterentwickeln muss, um mit technologischen und organisatorischen Veränderungen Schritt zu halten. Themen wie Remote Work, hybride Arbeitsmodelle und der Einsatz von KI werden auch in Zukunft eine zentrale Rolle spielen. Die Beiträge zeigten auch, dass trotz neuer Methoden, Arbeitsmodelle und Technologien wie KI-Tools die hohe Motivation und Kreativität der Teammitglieder als Erfolgsfaktor in Projekten weiterhin von Bedeutung sind, das stete Lernen von und mit neuen Ansätzen bleibt eine spannende Herausforderung – ohne und auch mit KI-Unterstützung.

Diskussionsbeiträge

Die Diskussionsbeiträge boten auch dieses Jahr wieder eine Plattform für den intensiven Austausch über aktuelle Forschungsergebnisse und Erfahrungen mit innovative Ansätze im Projektmanagement. Stefan Hilmer präsentierte seine gemeinsame Arbeit mit Henrik Stapel „Das Prinzip „Agil-agil-werden“ – Die Anwendung agiler Denk- und Arbeitsweisen in agilen Veränderungen“ ihre Thesen zur Anwendung agiler Arbeitsweisen in heutigen Veränderungsprozessen.

Die PVM bot auch für die beiden Nachwuchswissenschaftler Jannik Heizmann und Colin Vavra eine Plattform, spannende studentische Arbeiten vorzustellen. Ihre Tool-Implementierung des Meta Agile Process Models trägt zur  Optimierung von Projektteams bei und lässt sich sowohl auf Projekte in der Wirtschaft als auch in der Lehre anwenden.

Marlon Kampmann und sein Team diskutierten, wie ein organisationsübergreifendes Training die BPM-Kompetenzen (Business Process Management) zur Förderung von Prozessautomatisierungsinitiativen stärken kann.

Diese thematisch vielfältig ausgewählten Diskussionsbeiträge ermöglichten es den Teilnehmern, kontroverse und richtungsweisende Ansätze direkt zu hinterfragen und gemeinsam Lösungen zu entwickeln. Der interaktive Charakter der Beiträge trug dazu bei, die Brücke zwischen Theorie und Praxis zu schlagen und wichtige Impulse für die Weiterentwicklung des Projektmanagements im deutschsprachigen Raum zu geben.

Kompaktbriefings

Die Workshops und Schulungen in Form der Kompaktbriefings sind inzwischen ein fester und wichtiger Bestandteil der PVM-Tagungen. Sie bieten eine ausgezeichnete Möglichkeit, sich praxisnah weiterzubilden und aktuelle Trends im Projektmanagement zu erlernen. Themen der diesjährigen Kompaktbriefings waren die Reduzierung von Projekt(mittel)verschwendung (Lean Project Management), Wege für ein effektives Controlling in Projekten auf Basis einer kontinuierlichen Nutzenbetrachtung, Merkmale und Eigenschaften einer agilen Führung und daraus abgeleiteter Anforderungen an die Führungskräfte, sowie der Einsatz von KI-Tools für die Aufgaben im Projektmanagement wurden umfassend behandelt.

Praxisberichte

Auf der PVM 2024 wurden zum ersten Mal Beiträge in der neuen Kategorie „Praxisberichte“ integriert, um den Austausch zwischen Wissenschaft und Praxis anhand von Erfahrungsberichten zu fördern. So berichtete Benedikt Schlick über seine Erfahrungen in einem 100% remote arbeitenden IT-Beratungsunternehmen, wobei der Fokus auf der stringenten Nutzung von Tools für die Zusammenarbeit lag. Patrick Albert beleuchtete ein internationales SAFe-Projekt und ging dabei auf die Vor- und Nachteile der agilen Skalierung ein. Er stellte das Vorgehen im Detail dar und hatte wertvolle Antworten auf die Fragen der Teilnehmer, die er mit Beispielen aus dem Projektalltag untermauerte.

Beide Berichte führten zu intensiven Diskussionen und boten wertvolle Tipps, die die Teilnehmer in ihre eigenen Projekte einfließen lassen können.

Rahmenprogramm

Die PVM 2024 ermöglichte den Teilnehmern, durch die Erlebnisführungen sowohl den Tagungsort näher kennenzulernen als auch wertvolle Networking-Gelegenheiten zu nutzen. Eine der geführten Touren beleuchtete das Herzheilbad Bad Nauheim, das für seine historische Bedeutung und seine Jugendstilarchitektur bekannt ist. Die zweite Tour führte die Teilnehmer auf die Spuren von Elvis Presley, der während seines Militärdienstes in den 1950er Jahren in Bad Nauheim lebte. Teilnehmer konnten Orte besuchen, die Elvis’ Zeit in der Stadt prägten, und so einen faszinierenden historischen Einblick gewinnen.

Das Konferenzdinner fand dieses Jahr im historischen Gasthaus Zur Krone (heute Zorbas) in Bad Nauheim statt und bot den Teilnehmern ein köstliches Buffet mit griechischen Spezialitäten. In gemütlicher Atmosphäre konnten die Teilnehmer den ersten Konferenztag reflektieren und neue Kontakte knüpfen. Das Dinner bot eine ideale Gelegenheit, das Networking zu vertiefen, Gespräche fortzuführen und neue Impulse für den zweiten Tag zu sammeln. Solche entspannten Abende tragen wesentlich dazu bei, die Konferenz in einem angenehmen Rahmen abzurunden und den Austausch zwischen Fachleuten zu fördern.

Zusammenfassung

Die PVM 2024 hat gezeigt, dass die Zukunft der Projektarbeit von Flexibilität, Individualisierung und noch mehr technologischer Unterstützung geprägt sein wird. Besonders die fortschreitende Digitalisierung und der Einsatz von KI-basierten Tools waren zentrale Diskussionsthemen. Virtuelle Zusammenarbeit und agile Methoden stehen dabei im Fokus, da sie immer mehr an Bedeutung gewinnen. Für die PVM im kommenden Jahr bieten sich vertiefende Themen an, wie die Weiterentwicklung von KI-gestützten Projektmanagementsystemen, neue Ansätze für virtuelle Teamführung und der Umgang mit datengetriebenen Entscheidungsprozessen.

Auch die Rolle von Führungskräften und Teams in diesen hybriden Arbeitsumgebungen wird immer wichtiger. Wie können Führungskräfte effizient mit Remote-Teams arbeiten und die Zusammenarbeit trotz physischer Distanz fördern? Bedarf es einer überarbeiteten Definition von agilem Projektmanagement, das die neuen Arbeitsformen und Tools reflektiert? Diese Fragestellungen, zusammen mit der Optimierung von digitalen Kollaborationstools, werden zweifellos die Agenda zukünftiger Konferenzen prägen.

Die PVM 2024 war somit ein wichtiger Meilenstein in der Weiterentwicklung des modernen Projektmanagements im deutschsprachigen Raum, und die vorgestellten Innovationen bieten eine solide Basis für weitere Diskussionen und Fortschritte im kommenden Jahr.

Tagungsband

Der Tagungsband der PVM 2024 wurde in den GI Lecture Notes in Informatics (Band P-353) veröffentlicht:

Masud Fazal-Baqaie, Oliver Linssen, Alexander Volland, Enes Yigitbas, Martin Engstler, Martin Bertram, Eckhart Hanser, Axel Kalenborn: Projektmanagement und Vorgehensmodelle 2024 – Neues Arbeiten in Projekten – Teamarbeit neu interpretiert – Komplettband. Projektmanagement und Vorgehensmodelle 2024 – Neues Arbeiten in Projekten – Teamarbeit neu interpretiert. Gesellschaft für Informatik e.V.. ISSN: 1617-5468. ISBN: 978-3-88579-747-0.

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