Was ist ein erfahrungsbasiertes Testentwurfsverfahren?
Ein erfahrungsbasiertes Testentwurfsverfahren ist ein Ansatz zur Testfallgenerierung, bei dem Testfälle auf der Grundlage der Erfahrungen, des Wissens und der Intuition der Tester abgeleitet oder ausgewählt werden. Anstatt formale Methoden oder spezifische Testtechniken wie Äquivalenzklassenbildung oder Grenzwertanalyse zu verwenden, verlassen sich Tester bei diesem Verfahren auf ihre eigenen praktischen Erfahrungen und das Wissen über das System, die Anwendung oder das getestete Produkt.
Merkmale des erfahrungsbasierten Testens:
- Erfahrung und Intuition: Die Testfälle werden oft durch die Vorstellungskraft und Intuition der Tester erzeugt, basierend auf ihrem Wissen aus früheren Projekten oder ähnlichen Anwendungen.
- Flexibilität: Es gibt keine festen Regeln, und die Testfälle werden dynamisch und flexibel basierend auf den bekannten Schwächen, Anforderungen oder häufig auftretenden Fehlern im System entwickelt.
- Schnelligkeit: Dieses Verfahren kann relativ schnell durchgeführt werden, da es keine aufwendige Analyse oder umfangreiche Modellierung erfordert.
- Ergänzung zu anderen Methoden: Das erfahrungsbasierte Testen wird normalerweise als Ergänzung zu formalen Testmethoden verwendet und nicht als alleinige Methode. Es wird oft eingesetzt, um zusätzliche Schwächen im System zu identifizieren, die von anderen Verfahren nicht abgedeckt werden.
Beispiel für erfahrungsbasiertes Testen:
Nach dem Deployment einer neuen Version einer Software auf die Testumgebung könnte ein Tester, der mit der Anwendung gut vertraut ist, entscheiden, bestimmte Bereiche zu testen, die auf der Grundlage der neu eingeführten Funktionen oder bekannten Problemzonen im System als besonders anfällig gelten. Der Tester könnte zum Beispiel:
- Nicht getestete Szenarien abdecken, die auf häufigen Fehlern der letzten Version basieren.
- Bereiche testen, die aufgrund von Änderungen in der Datenbankstruktur potenziell betroffen sein könnten, obwohl diese Änderungen nicht explizit in den Anforderungen aufgeführt wurden.
- Wiederholte Tests in Bereichen durchführen, die zuvor als kritisch identifiziert wurden.
Vorteile des erfahrungsbasierten Testens:
- Schnelle Identifikation von Fehlern: Erfahrungsbasierte Tester können Fehler schneller aufdecken, die durch formelle Tests möglicherweise übersehen wurden, da sie häufig in der Lage sind, das Verhalten des Systems basierend auf ihrer Erfahrung und Intuition vorherzusagen.
- Flexibilität und Anpassungsfähigkeit: Testfälle können flexibel an die veränderten Bedingungen oder neue Anforderungen angepasst werden, ohne eine umfassende Neugestaltung von Testplänen oder Testskripten vornehmen zu müssen.
- Effektive Nutzung von Testerfahrungen: Tester, die mit der Software und der Umgebung vertraut sind, können spezifische Schwächen oder potentielle Fehlerquellen erkennen, die nicht in den formellen Testdokumenten oder Plänen berücksichtigt wurden.
Nachteile des erfahrungsbasierten Testens:
- Subjektivität: Da das Verfahren stark auf der Intuition und den persönlichen Erfahrungen der Tester basiert, kann es zu subjektiven Entscheidungen kommen, die zu unvollständigen oder nicht systematischen Tests führen.
- Geringe Wiederholbarkeit: Im Gegensatz zu formaleren Methoden sind erfahrungsbasierte Testfälle oft nicht vollständig dokumentiert oder standardisiert, was die Wiederholbarkeit und Konsistenz der Tests erschwert.
- Fehlende Systematik: Die Tests könnten wichtige Bereiche übersehen oder unnötige Tests durchführen, die nicht den größten Mehrwert bieten.
Hinweise für die Praxis:
- Ergänzung zu anderen Testmethoden: Das erfahrungsbasierte Testen sollte idealerweise als Ergänzung zu systematischen Methoden wie Black-Box-Tests, White-Box-Tests oder Exploratory Testing eingesetzt werden, um zusätzliche Schwächen zu identifizieren.
- Verwendung bei neuen Systemen oder Änderungen: Besonders nach der Einführung neuer Funktionen oder nach einem Deployment kann das erfahrungsbasierte Testen dabei helfen, die Qualität schnell und effizient zu überprüfen.
- Teamkommunikation und Wissen teilen: Um das Beste aus erfahrungsbasiertem Testen herauszuholen, ist es wichtig, dass das Team Erfahrungen und Erkenntnisse austauscht, um eine breitere Abdeckung von möglichen Fehlerquellen zu gewährleisten.
Das erfahrungsbasierte Testentwurfsverfahren ist eine flexible und schnelle Methode, um Testfälle zu entwickeln, die auf dem Wissen und der Intuition der Tester basieren. Es eignet sich hervorragend zur Ergänzung anderer formaler Testmethoden, insbesondere in dynamischen und sich schnell ändernden Projektumgebungen. Es ist jedoch wichtig, dass dieses Verfahren in einem ausgewogenen Ansatz verwendet wird, um die potenziellen Nachteile wie Subjektivität und fehlende Systematik zu minimieren.
